Freie Wähler stellen sich einer offenen Sachdiskussion – Gemeinschaftsschule ist kein Allheilmittel

Der schulpolitische Kurs der Landesregierung, mit der Einführung der Gemeinschaftsschule das dreigliedrige Schulsystem aufzugeben, greift erheblich in die Nürtinger Schulentwicklungsplanung ein. Deshalb haben Stadtverband und Fraktion der Freien Wähler schon im April 2014 mit einer Informationsveranstaltung dieses sensible Thema aufgegriffen. Mit Schulamtsdirektor  Dr. Klein und der Referentin beim Städtetag Baden-Württemberg, Irmtraud Bock, befassten sich renommierte Referenten mit den Vor- und Nachteilen der Veränderungen im Schulsystem. Das Fazit damals und heute: Umstrukturierungen im sensiblen Gefüge der Schulen sind keine politische Spielwiese, sondern müssen sich am Wohl der Kinder messen lassen.

Fraktion und Stadtverband der Freien Wähler halten die eingeleitete Schulentwicklungsplanung für eine zentrale Weichenstellung, die mit Augenmaß und größter Sorgfalt angegangen werden muss. Keinesfalls dürfen Korrekturen ähnlich überhastet und schlecht vorbereitet durchgeführt werden, wie es die Landesregierung praktiziert hat. Schon die Abschaffung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung war ein Fehler, der zu erheblichen Fehlentwicklungen geführt hat. Weil zu viele Schüler auf weiterführende Schulen wechseln, brechen den Haupt- und Werkrealschulen die Schüler weg. Wenn nun Schüler mit der gewählten Schule nicht klar kommen, ist ihnen oft vor Ort die Rückkehr versperrt, weil die Haupt- oder Werkrealschule geschlossen ist.

Entscheidungen zur Einführung einer Gemeinschaftsschule fallen häufig nicht aus Überzeugung, sondern vor dem Hintergrund sinkender Schülerzahlen. Die Freien Wähler verweisen darauf, dass Nürtingen in der glücklichen Lage ist, für alle Schularten langfristig tragfähige Zahlen zu haben. Die Nürtinger Realschulen und Gymnasien verfolgen schon heute ein integratives Bildungssystem und greifen längst die Gedanken auf, die für die Gemeinschaftsschule ins Feld geführt werden.

Die Freien Wähler betonen das hervorragende Leistungsniveau bei der Realschulen. Deren Bestand darf keinesfalls gefährdet werden. Notwendige Anpassungen müssen aus den verantwortlichen Schulgremien heraus veranlasst werden.

Die Fraktion verweist auch auf die gute und integrative Arbeit der  Mörikeschule als Werkrealschule. Besonders das Handwerk brauche für seinen Ausbildungsauftrag Schülerinnen und Schüler mit einem solchen Schulabschluss. Man müsse daher die Entwicklung der Schülerzahlen langfristig beobachten. Sollten sie weiter absinken, wäre ein solcher Schulzug unter dem Dach einer Realschule (in Form einer Verbundschule) näher zu untersuchen.

„Wir sind nicht grundsätzlich gegen Gemeinschaftsschulen, sehen aber keine Notwendigkeit, dem politischen Druck nur deswegen nachzugeben, weil es gerade „in“ ist, sich zu dieser Schulart zu bekennen“, betont der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Dr. Otto Unger.

Die Stadträte Dr. Michael Brodbeck und Prof.  Klaus Fischer betonen als Mitglieder des Kultur-, Schul- und Sozialausschusses die Bedeutung des Themas für die lange Tradition der Schulstadt Nürtingen. Das müsse mit größter Sorgfalt angegangen werden. „Die Städte und Gemeinden im Raum Plochingen/Reichenbach haben sich z.B. zur Erarbeitung der regionalen Schulentwicklungsplanung einen erfahrenen Fachmann ins Boot geholt. Wir unterstützen den Kurs von Schulbürgermeisterin Claudia Grau, die auf eine fachlich gestützte Schulentwicklungsplanung unter maßgeblicher Beteiligung der beteiligten Schulen setzt“, erklären beide Stadträte.

„Wir Freien Wähler stellen uns einer offenen Bildungsdebatte in der Stadt, warnen aber vor frühzeitigen Festlegungen. Das Schulsystem in Baden-Württemberg liege in der Bewertung deutlich vor Bundesländern, die die Gemeinschaftsschule als Regelschule eingeführt haben“, skizziert Dr. Unger abschließend die Linie seiner Fraktion.

 


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